Mittwoch, 22. Februar 2017
Gleiches Morgenritual wie Montag und Dienstag. Ich fahre die Kinder in die Schule und wir verabschieden uns bis Freitagabend. Ich fahre weiter ins Büro. Wie immer vor den Ferien nehme ich mir vor, im Büro noch möglichst viele Pendenzen abzubauen bzw. ältere Fälle zu erledigen. Die unerledigten Eingaben stapeln sich im Regal. Die Arbeit ist physisch sichtbar in Form von Aktenbergen. Das macht die Sache nicht einfacher. Jeden Posteingang innerhalb von 14 Tagen nach Erhalt zu beantworten und jeden Fall innerhalb von drei Monaten abzuschliessen, gestaltet sich bei Teilzeitarbeit schwierig und ich hatte deswegen schon Ärger mit meinem Chef. Im Büro angekommen sichte ich die neuen Posteingänge, für die ich zuständig bin. Und prompt ist eine dringende Anfrage dabei, die unmöglich anderthalb Wochen unbearbeitet bleiben kann. Die Anfrage ist kompliziert und arbeitsaufwändig. Ich bin den ganzen Tag damit beschäftigt. Mache nur 30 Minuten Pause über Mittag, um mir kurz ein Sandwich zu holen. Von wegen, alte Pendenzen abbauen...
Um 19 Uhr stemple ich trotzdem aus und beginne, an einer privaten Stellungnahme zu schreiben bzw. Beweismittel (Fotos) in Worddateien zu packen und auszudrucken, da ich zuhause keinen farbigen Laserprinter habe. Um 21:15 Uhr komme ich endlich nach Hause, wo mich mein Schatz schon sehnsüchtig erwartet. Die Kinder sind bis Freitagabend bei ihrem Vater.
Donnerstag, 23. Februar 2017
06:45 Uhr. Der Liebste bringt mir den Kaffee ans Bett und fährt kurz darauf an die Arbeit. Ich bin allein zu Hause. Bin sooooo müde. Hatte wie immer eine Wachphase irgendwann zwischen drei und vier Uhr in der Nacht. So gegen 07:30 Uhr raffe ich mich auf und gehe ins Bad... Komme kurz nach neun Uhr im Büro an und arbeite mit einer 30minütigen Mittagspause bis abends um 20 Uhr. Habe nicht die Hälfte von all den Pendenzen erledigt, die ich vor den Ferien noch abschliessen wollte und beschliesse, am Freitagnachmittag nochmals ins Büro zu fahren. Ich widme mich noch kurz meiner privaten Eingabe - einer Stellungnahme an die zweite Instanz in Sachen Bauvorhaben in der Nachbarschaft - und fahre so gegen 20:45 Uhr heimwärts. Mein Schatz hat schon alles vorbereitet und wir essen "Café complet", wie man bei uns sagt, oder "Stulle", wie der Berliner sagt. Will heissen: Brot, Trockenfleisch, Aufschnitt, Käse. Und statt Kaffee gibt es Rotwein.
Freitag, 24. Februar 2017
06:45 Uhr. Kaffee trinken mit meinem Schatz. Ich bin erneut mitten aus eine wirren Traum erwacht. Mein Schatz fährt ins Büro und kurz vor 08:00 Uhr kommt ein SMS von meinem Ex. Ich erkenne es am Tonfall. Obwohl jedes SMS auf meinem iPhone den gleichen Klang hat, merke ich es sofort, wenn es von meinem Ex kommt. Es klingt irgendwie drängend, fordernd, herausfordernd. Ich kann es mir auch nicht erklären, aber irgendwie klingt es anders als alle anderen SMS, die ich kriege. Was er schreibt, lässt meinen Puls gleich in die Höhe schnellen...
"Hallo Rosalie, die Kinder werde ich heute Nachmittag zu dir bringen, zw. 17.00 - 17.30h. Könntest Du sie dann am morgen Samstag nach dem Mittag zu mir bringen? Wir wollen dann zusammen in die Ferien fahren. Gruss Ex"
Mein Liebster hatte Recht. Wir hatten "gewettet", ob die Kinder sich durchsetzen können oder nicht. Eigentlich haben wir beide damit gerechnet, dass er sie rumkriegt. Wie immer. Sie wollten bekanntlich bis Sonntagmittag bei mir bleiben. Sie haben überhaupt keine Lust auf Skifahren. Möchten viel lieber noch ein wenig bei mir sein, ihre Ruhe haben und chillen.
Er kriegt sie immer rum. Indem er ihnen ein schlechtes Gewissen macht. Im Stil von
"Aber ich möchte doch sooooooo gerne schon am Freitagnachmittag in die Berge. Allerallerspätestens aber Samstagmittag! Wir wollen doch zusammen skifahren gehen! Ich habe mich soooooo darauf gefreut! Ich habe doch schon alles eingekauft! ... Schon letztes Wochenden konnten wir nicht Skifahren, weil ich krank war, weil das Wetter schlecht war, etc. Ich bin soooo traurig (wahlweise auch enttäuscht), wenn ihr erst am Sonntag hochfahren wollt. Die Skisaison ist doch bald zu Ende und wir müssen doch noch profitieren, jetzt wo es endlich genug Schnee hat, und überhaupt - meine Liebste kann erst am Montag kommen und sonst bin ich am Samstag/Sonntag ja ganz allein!" .... etc., etc. So läuft das in der Regel ab. Und die Kinder lenken ein, weil sie den Papa nicht enttäuschen wollen. Oder aus Bequemlichkeit. Der Weg des geringsten Widerstands. Dass sie die Mama enttäuschen, kommt ihnen gar nicht in den Sinn. Weil die Mama ja so lieb ist und alles verzeiht und sie nicht unter Druck setzt. Weil die Mama immer für sie die Kartoffeln aus dem Feuer holt und jede Feuerwehrübung mitmacht. Und Mama hat ja schliesslich ihren Herrn Beh und ist nicht alleine, während der "arme" Papa seine Freundin nicht so oft sieht, obwohl sie nur 35 Autominuten entfernt ist. Aber sie ist halt immer so beschäftigt ...
Ich habe mich geärgert, als ich das SMS gelesen habe. Wieder ist er mit seiner "Tränendrüsen-Tour" durchgekommen. Wieder hat er die Kinder manipuliert und wieder haben sie eingelenkt.
( Die Kinder werden bald von der Gerichtspräsidentin befragt werden. Es geht um die alternierende Obhut. Mir graut vor diesem Termin. Was sollen die Kinder denn sagen? Sie möchten, dass alles so weitergeht wie bisher. Aber das ist nicht möglich, weil ihr Vater mir nicht mehr den vollen Unterhaltsbeitrag für die Kinder bezahlen will. Letzlich wird er die Kinder genauso häufig sehen können wie bisher, wenn es so kommt, wie ich möchte. Aber es wird ein erweitertes Besuchsrecht sein und keine alternierende Obhut. Letztere existiert eh nur auf dem Papier. Es ist eine alternierende Obhut zwischen der Mutter und der Grossmutter ... Aber das ist eine Geschichte für sich.)
Ich schicke meinem Liebsten einen Screenshot von der SMS und er ärgert sich sehr und wir schreiben hin und her bis ich aus dem Haus muss. Er meint, dass ich wegen der Kinderbefragung auf alles gefasst sein müsse... Die ganzen 45 Autominuten bis zu meinem Termin studiere ich daran herum und überlege, was ich tun soll. Ich fasse den Entschluss, dass ich diesmal nicht einfach so mitspielen werde. Ich werde die Kinder nicht übernehmen, damit wir bloss zusammen z'Nacht essen und sie danach in ihren Zimmern verschwinden, samstags bis elf Uhr schlafen und ich sie dann nach dem Frühstück auch noch zum Ex fahren soll, obwohl er danach in die Berge fährt und sie bei der Gelegenheit bei mir abholen könnte...
Auf dem Weg zum Termin erhalte ich noch einen Anruf von meinem Anwalt. Es geht um die Klage in Sachen Baumängel. Die Gegenpartei will offenbar doch verhandeln. Es geht um ein Thema, das mich sehr belastet. Kurz vor meinem Termin kriege ich stechende Kopfschmerzen. Aus dem Nichts... Ich nehme eine Kopfschmerztablette und nach dem Termin schreibe ich dem Ex eine kurze Nachricht. Ich lasse ihn wissen, dass diese Übernachtung der Kinder bei mir eine Alibiübung sei. Dass ich nicht mitspielen werde und er die Kinder unter diesen Umständen gleich das ganze Wochenende behalten könne und ich sie erst am Sonntag, dem 6. März, nach meiner Rückkehr aus Berlin übernehmen könne. Und dass ich das verlorene Wochenende mit den Kindern nachholen werde. Er beklagt sich über meinen Tonfall und kann nicht verstehen, dass ich verärgert bin. Ich sehe davon ab, darauf zu reagieren.
Ich beschliesse, trotz anhaltender Kopfschmerzen noch eine Besorgung zu machen. Ich will meiner Tochter ein neues Silberkettchen kaufen. Das wollten wir eigentlich am Abend zusammen machen. Sie trägt seit mehr als einem Jahr einen kleinen Anhänger an einer Silberkette um den Hals. Es ist ihr Glücksbringer. Nun ist das Kettchen gerissen. Ich möchte, dass sie ihren Glücksbringer in den Skiferien dabei hat. Während ich mit der Verkäuferin spreche und versuche, mich für ein Modell zu entscheiden, wird mir übel. Ich kriege Herzklopfen, spüre kalten Schweiss und mein Kreislauf spielt verrückt. Ich bezahle rasch das Kettchen und suche die nächste Toilette auf. Und warte, dass entweder etwas passiert, was Erleichterung bringt oder dass sich mein Kreislauf wieder so weit normalisiert, dass ich mich ins Auto setzen und weiterfahren kann... Nach zehn Minuten verlasse ich die Toilette und beschliesse, nach Hause zu fahren. Auf dem Heimweg ist mir himmelelend. Die Kopfschmerztablette hat nicht geholfen und ich habe Schmerzen im Oberbauch und wie oft in solchen Situationen habe ich das Gefühl, dass ich links in der Herzgegend ein Brennen und einen Druck verspüre, der in den linken Oberarm ausstrahlt. Zehn Minuten von meinem Wohnort entfernt, fahre ich rechts ran in einem Wohnquartier und überlege, was ich tun soll... Ich sitze im Auto. Fünf Minuten vergehen. Zehn Minuten. Was soll ich bloss tun? Schaffe ich es bis nach Hause? Und dann? Meine Kollegin kommt mir in den Sinn. Sie hat mir neulich den Link zu einem Artikel geschickt. Es ging um Herzinfarktsymptome bei Frauen. Diese zeigen sich oft nicht so deutlich wie bei Männern... Möglicherweise ist diese Tatsache darauf zurückzuführen, dass die
bei Frauen auftretenden Symptome oft untypisch sind:
So löst ein Herzinfarkt bei einer Frau oft Symptome wie Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen aus. In vielen Fällen deuten sowohl Betroffene als auch Ärzte die Symptome falsch und erkennen den Herzinfarkt zu spät.
Und immer muss ich in solchen Situationen an meinen Vater denken. Hätte er seine Symptome Ernst genommen (Kurzatmigkeit, Schwindel, ...) und wäre zum Arzt gegangen, würde er heute vielleicht noch leben.
Ich denke an meine Kinder. An meinen Liebsten. Was ist, wenn es doch was Ernstes ist? Früher hätte ich in solchen Situationen meine "Frau für alle Fälle" angerufen. Eine Frau mit besonderen Fähigkeiten. Sie hat mir so oft geholfen und mir auch überflüssige Arztbesuche erspart. Und dann stirbt sie einfach weg... Letzten Sommer. Plötzlich lag da diese Todesanzeige im Briefkasten. Ich war geschockt und stand eine ganze Woche neben mir. Sie war mir eine so wichtige Stütze, auch wenn wir manchmal ein halbes Jahr oder länger keinen Kontakt hatten und unser Verhältnis ein Geschäftliches war. Aber da war auch immer so viel Herzlichkeit am Telefon und sie hat mich so gut gekannt, dass wir die Probleme telefonisch lösen konnten. Sie kannte meine familiäre Situation. Fast vierzehn Jahre lang hat sie mich begleitet und ich konnte sie immer anrufen, wenn ich einen Rat gebraucht habe. Sie fehlt mir sehr.
So sitze ich also im Auto auf dem Parkplatz vor dem Spital und bin hin- und hergerissen. Mein Hausarzt ist in den Ferien. Schliesslich schreibe ich meinem Schatz ein WhatsApp und er meint, ich solle besser in die nahe Notaufnahme fahren. Als ich das lese, beginnen mir die Tränen übers Gesicht zu laufen und ich verliere kurz die Fassung. Ich versuche mich wieder zu beruhigen und laufe die 200 Meter zum Eingang der Klinik, ohne mich um die Parkuhr zu kümmern. Als ich vor dem Empfang stehe, verliere ich wieder die Fassung. Ich bringe nur heraus, dass ich nicht wisse, ob ich einen Migräneanfall oder einen Herzinfarkt hätte. Ob ich heimfahren und mich ins Bett legen oder untersuchen lassen solle. Dass ich mich wegen meinem Ex-Mann so aufgeregt hätte und gerade eine schwierige Zeit durchmachen würde. Die Dame am Empfang ist sehr verständnisvoll und meint, dass es doch besser sei, wenn ich erst mal hier bleibe.
Zwei Minuten später kommt eine Pflegefachfrau und ich werde in ein Untersuchungszimmer gebeten. Sie verabreicht mir ein Schmerzmittel gegen die pulsierenden Kopfschmerzen und das flüssige Medikament dreht mir drei Minuten später den Magen um. Zum Glück reicht die Zeit noch aus, damit sie mir ein Behältnis aushändigen kann. Ich laufe zum Lavabo und der Schaden hält sich in Grenzen. Mein Magen ist leer. Nur Galle. Es ist halb zwei Uhr und ich habe noch nichts gegessen. Eine Magenverstimmung konnte es nicht sein.
Die Pflegefachfrau fragt mich, ob ich gut versichert sei... Ich bejahe und sie meint, dass sie das "ganze Programm" durchführen werde. Sie legt eine Infusion und verabreicht mir ein Schmerzmittel. Intravenös. Es folgte ein EKG und sie nimmt mir Blut ab und natürlich wird auch der Blutdruck und die Sauerstoffsättigung gemessen. Irgendwann hört mein kleiner Finger mit der Sauerstoffmessklemme auf zu Zittern und obwohl der Monitor ständig piepst, fühle ich mich etwas besser.
Nach einer halben Stunde kommt ein freundlicher junger Assistenzarzt und stellt mir viele Fragen, prüft meine Reflexe und meint, dass organisch alles in Ordnung sei. Dass ich mir keine Sorgen wegen meinem Herz machen solle. Das EKG sei unauffällig und auch das Blut sei in Ordnung. Er nimmt sich Zeit und verschreibt mir am Schluss ein Psychopharmaka, das bei Schlafstörungen helfen soll, weil es müde macht, ohne abhängig zu machen. Er frage mich, ob ich schon mal mit dem Gedanken gepielt hätte, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich bejahe...
Er war wirklich empathisch und hat sich viel Zeit genommen. Letztlich wäre der Besuch in der Notaufnahme nicht notwendig gewesen. Aber er hat mich beruhigt und mir gezeigt, dass ich ziemlich am Limit bin und dass meine Schwachstelle - das vegetative Nervensystem - einmal mehr reagiert hat.
Ich bin dann nach Hause gefahren und habe mich ausgeruht. Ich fühlte mich nur noch leer. Trotzdem habe ich mich nochmals aufgerafft und die Beschwerde fertig geschrieben und bin auf die Post gefahren, die zehn Autominuten entfernt ist. Fünf Minuten vor der Schliessung der Post habe ich das Einschreiben am Schalter aufgegeben. Danach war die Luft endgültig raus.
Vorher hatte ich noch mit den Kindern telefoniert. Wir haben vereinbart, dass sie am Samstagvormittag vorbeikommen und alles abholen, was sie für die Ferienwoche in den Bergen noch benötigen.
Am Samstag habe ich vier Stunden im Garten gearbeitet. Lavendel und verblühte Stauden zurückgeschnitten. Zur Entspannung. Es hat mir gut getan. Und ich habe mich sehr auf Berlin gefreut. Auf ein paar Tage weit weg von den Alltagssorgen. Zeit für meinen Liebsten, Zeit für mich.
Dass ich mich noch freuen kann, ist ein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass ich nicht depressiv bin, auch wenn ich manchmal trübe Gedanken habe. Vielleicht sollte ich meinen Psychologen von früher wieder kontaktieren. Es ist so viel passiert seit der Trennung und es sind einige Dinge vorgefallen, die ich nicht so ohne weiteres wegstecken kann, obwohl ich daran arbeite. Das Antidepressivum, das mir der Arzt wegen der Schlafstörung verschrieben hat, habe ich nicht besorgt. Ich hoffe, dass ich es auch so schaffen werde. Ohne Medikamente. Wir werden sehen.